Sanfter Tourismus - Der Gegenentwurf zum Massentourismus
Foto © baranq
stock.adobe.com
Egal
ob Barcelona, Venedig oder Mallorca – viele Einwohner
beliebter
Urlaubsziele sehen den Massentourismus immer kritischer. Obwohl der
Reiseverkehr die Ökonomie der Orte fördert, sind die
Nachteile für
die Bewohner spürbar, selbst außerhalb der Saison.
Massentourismus – Fluch oder Segen?
Die zahlreichen Touristen benötigen Unterkünfte, vorzugsweise in der Innenstadt. Da der Wohnraum dort – wie auch hierzulande – knapp ist, steigen die Preise. Dadurch wird Wohnen für Einheimische oft unerschwinglich.
Um diesem Problem entgegenzuwirken, haben viele Städte insbesondere Ferienwohnungen im Blick und erteilen kaum noch neue Lizenzen. Doch diese Maßnahmen zeigen oft wenig Wirkung, da Wohnungen stattdessen einfach illegal vermietet werden. So gibt es beispielsweise in Barcelona Schätzungen zufolge rund 6.000 Ferienwohnungen ohne Lizenz.
Dazu kommen noch weitere Probleme, wie das schlechte Benehmen einiger Besucher. Verschmutzung, Alkoholexzesse und Vandalismus sind seit Jahren ein Problem für die Bewohner Mallorcas. Aus diesem Grund formieren sich vermehrt Bürgerinitiativen und Protestgruppen, die Einschränkungen für den Massentourismus fordern – und das nicht nur auf den Balearen.
Die Alternative - Sanfter Tourismus
Doch was, wenn Touristen die Art, wie sie reisen, ändern? Weg vom Fast-Food-Prinzip des Reisens – schnell hin, wenig genießen und am Ende fluchtartig weg –, hin zu einer Art des Reisens, die Land und Leute wirklich wertschätzt und vielleicht sogar etwas zurückgibt?
Diese Form des Reisens nennt sich sanfter Tourismus und versteht sich dezidiert als Gegenbewegung zum Massentourismus. Die drei Hauptaspekte des sanften Tourismus sind:
- ökonomische Nachhaltigkeit
- soziale Nachhaltigkeit
- ökologische Nachhaltigkeit
Aufgrund dieser Themen wird alternativ auch vom nachhaltigen Tourismus gesprochen. Da Nachhaltigkeit im Allgemeinen meist ausschließlich mit dem ökologischen Aspekt in Verbindung gebracht wird, hat sich der Begriff sanfter Tourismus etabliert.
Ökonomische Nachhaltigkeit
Eines der größten Probleme beim Massentourismus ist, dass die Menschen vor Ort häufig nicht von den Touristen profitieren. Zwar bringen diese Geld mit, doch die Art und Weise, wie es ausgegeben wird, ist entscheidend.
Viele Menschen übernachten in internationalen Hotelketten mit Vollpension und geben ihr Geld in großen Kaufhäusern oder Einkaufsstraßen mit bekannten Markenläden aus. Ein Teil des erwirtschafteten Geldes kommt der lokalen Bevölkerung zugute, doch der Großteil des Gewinns fließt meist in andere Länder.
Noch ausgeprägter ist das Problem bei Kreuzfahrttouristen, die oft nur wenige Stunden an einem Ort verbringen. Da auf den Schiffen vieles All-inclusive ist, wird kaum Geld an Land ausgegeben und außer den Hafengebühren kaum Einnahmen generiert. Nichtsdestotrotz tragen sie erheblich zur Überfüllung bei.
Faire Verteilung der Einnahmen
Ziel des sanften Tourismus ist, das Geld gerechter zu verteilen. Anstelle der großen Hotelketten wird ein Zimmer in einer regionalen Pension gebucht. Wer dennoch in einem bekannten Hotel übernachten möchte, sollte auf die Vollpension verzichten und hingegen lokale Restaurants und Cafés unterstützen. Beim Einkaufsbummel ist der Weg abseits der großen Einkaufsstraßen und Shopping-Zentren sinnvoll, um auch lokal ansässige Geschäfte zu besuchen.
Internationale Hotels können ebenfalls einen größeren Beitrag zur ökonomischen Nachhaltigkeit leisten, indem sie ihre negativen Auswirkungen verringern. Etwa durch die Ausstattung mit Möbeln und Lebensmitteln aus regionaler Produktion. So wird dem Gast ein authentischeres Erlebnis angeboten.
Auch beim Personal sollten örtliche Dienstleister bevorzugt werden, etwa für Reinigung und Tourguides. Im Hotel selbst sollten idealerweise Personen aus der Umgebung arbeiten, und das in allen Arbeitsbereichen.
Soziale Nachhaltigkeit
Direkt an die ökonomische schließt sich die soziale Nachhaltigkeit an. Ziel ist es, soziale Konflikte wie die Gentrifizierung von Wohnvierteln zu mildern und die regionale Kultur zu erhalten und zu fördern.
Ein wichtiger Schritt, um die Einflüsse auf das Urlaubsziel gering zu halten, ist die Landessprache zumindest in Grundzügen zu beherrschen oder sich per Sprachapps zu verständigen. Denn zur Wahrheit gehört, dass, auch wenn Englisch eine Weltsprache ist, Einwohner, die kein Englisch sprechen, bei der Berufsausübung benachteiligt werden. Sogar in Bereichen, die nicht direkt mit der Touristik zu tun haben. Dies kann gravierende Auswirkungen haben, insbesondere in Ländern, in denen die schulische Ausbildung nicht besonders gut ist oder nicht jedem offensteht.
Respektvolle Reisende: Ein Gewinn für alle
Es ist aber auch eine respektvolle Einstellung gegenüber den Menschen vor Ort und ihrer Lebensweise gefragt. In einigen muslimischen Ländern ist der Alkoholausschank etwa nur in den Hotels erlaubt, allerdings könnte sich ein Tourist dazu entschließen, während der Reise auf Alkohol zu verzichten. Wird in anderen Ländern eine Glaubensstätte wie eine Kirche besucht, sollte man sich an die regionalen Kleiderordnungen halten. Ebenso sind Kenntnisse über lokale Etikette sinnvoll: In öffentlichen Verkehrsmitteln in Japan ist es etwa nicht erlaubt, laut zu reden oder zu telefonieren.
Während einige dieser örtlichen Sitten zumindest ein Mindestmaß an vorheriger Recherche erfordern, sind andere mit gesundem Menschenverstand selbsterklärend. Wer sich zu Hause von lauten Betrunkenen gestört fühlt, der sollte auch im Urlaub allzu großen Alkoholkonsum und das damit verbundene Fehlverhalten vermeiden. Öffentliches Urinieren verbietet sich ebenfalls von selbst. Leider sind diese Selbstverständlichkeiten nicht jedem Touristen klar, wie der Ballermann zeigt. Aufgrund des Fehlverhaltens vieler wurden hier beispielsweise neue Regeln und Bußgelder festgelegt.
Impact Travel
Man kann allerdings noch einen Schritt weiter gehen und versuchen, der Gesellschaft vor Ort etwas zurückzugeben. Beim Impact Travel wird versucht, beim Besuch eines Landes einen positiven Einfluss auf die Region zu leisten, sei es durch die Mithilfe bei einer lokalen Initiative wie dem Müllsammeln am Strand.
Ein weiterer Weg, positiv zur Gesellschaft beizutragen, ist die Unterstützung von Repair Cafés, wo Touristen gemeinsam mit Einheimischen defekte Geräte reparieren können. Diese Cafés bieten eine Plattform, um der Wegwerfkultur entgegenzuwirken, Elektroschrott zu reduzieren und die Umwelt zu schonen. Indem Reisende an solchen Initiativen teilnehmen, lernen sie nicht nur neue Fähigkeiten, sondern stärken auch das Gemeinschaftsgefühl vor Ort.
Ökologische Nachhaltigkeit
Foto © blackday
stock.adobe.com
Diese
letzten Beispiele leisten ebenfalls einen Beitrag zum dritten Aspekt
des sanften Tourismus bei: der ökologischen Nachhaltigkeit.
Das Ziel
hier ist, den eigenen ökologischen Fußabdruck sowohl
vor Ort als
auch insgesamt so gering wie möglich zu halten.
Das beginnt schon bei der Anreise. Es sollte daher immer das die Umwelt am wenigsten belastende Fahrzeug gewählt werden. Das bedeutet nicht, dass man mit dem Segelschiff nach Australien reisen muss. Aber Flugreisen sollten nur so wenig wie nötig gebucht werden. Ein Teil der Reisestrecke kann etwa mit der Bahn zurückgelegt werden, indem man an einem dem Ziel näheren Flughafen umsteigt.
Die Müllproduktion vor Ort sollte ebenso gering wie möglich gehalten und natürlich nicht in der Natur entsorgt werden. In Ländern mit weniger strengen Plastikverordnungen sollte dennoch versucht werden, Plastik zu vermeiden.
Die gleichen Regeln wie hierzulande gelten auch im Ausland, was das Thema Ökologie angeht: öffentliche Verkehrsmittel statt Mietwagen nutzen und versuchen, Wasser und Strom zu sparen.
Tiere und Meere schonen
Manche Länder werden explizit wegen der exotischen Tierwelt besucht. In einigen gibt es Unterhaltungsshows mit Wildtieren. Diese sind häufig illegal in freier Wildbahn gefangen und leben nicht artgerecht. Stattdessen sollte eine Tierbeobachtungstour von einem reputablen Anbieter gebucht werden, um das Wohl dieser Lebewesen zu fördern.
Wer lieber ans Meer fährt, sollte bei der Wahl der Sonnencreme aufpassen. Viele enthalten Mikroplastik, welches beim Baden ins Meer gelangt. Dort hat es teils dramatische Auswirkung auf die Tier- und Pflanzenwelt.
Fazit
Wie schon deutlich geworden ist, sind diese drei Aspekte nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern greifen ineinander. Sanfter Tourismus kann nur funktionieren, wenn alle drei Nachhaltigkeitsaspekte erfüllt sind.
Auf lange Sicht wird diese Reiseform den Massentourismus nicht ersetzen, sondern ihn lediglich verändern. Denn der Drang nach Urlaub ist groß, und die Macht der Bilder auf sozialen Medien von tollen Destinationen ist stark. Reisende und Reiseanbieter sollten sich aber mehr Mühe geben, Rücksicht zu nehmen und die Auswirkungen ihres Urlaubs stärker zu betrachten.
Das lohnt sich aber. Nicht nur kann die Belastung für die Umwelt reduziert werden, sondern die Menschen vor Ort profitieren ebenfalls von diesem Reisekonzept. Dadurch verbessert sich der Ruf der Touristen, und Demonstrationen gegen diese werden unwahrscheinlicher. Denn letztlich sorgt sanfter Tourismus für eine harmonischere Beziehung zwischen Besuchern und Gastländern.